BMC-Kongress 2019

Gesellschaft des längeren Lebens braucht Versorgung mit 360-Grad-Perspektive
PRESSEMITTEILUNG

Beim 9. BMC-Kongress diskutierten 600 nationale und internationale Expert*innen innovative Versorgungskonzepte vor dem Hintergrund des demografischen Wandels und der Digitalisierung

Berlin, 25. Januar 2019 – Mit den Stichworten Multimorbidität, Demenz und Adhärenz lassen sich die großen Herausforderungen für die Gesundheits-versorgung einer alternden Bevölkerung umreißen. In mehr als 35 Sessions wurden diese Versorgungsaufgaben am 22. und 23. Januar 2019 beim BMC-Kongress in Berlin beleuchtet. Dabei gelang es dem BMC diesmal, die rund 150 Referenten- und Moderatoren-Slots fast zur Hälfte mit Frauen zu besetzen (44 %). Das Fazit: Gute Versorgung gelingt nur auf Augenhöhe mit dem Patienten und muss sein weiteres Lebensumfeld in den Blick nehmen. Erst wenn dieser Anspruch gelebt wird, werden wir die Potenziale der Digitalisierung voll ausschöpfen können.

Dass die Lebenserwartung der Menschen weltweit steigt, ist eine gute Nachricht. “Aber welchen Wert haben diese zusätzlichen Lebensjahre, wenn wir sie mit Demenz oder anderen schweren Erkrankungen verbringen?“, fragte Prof. Dr. Thuy-Nga Pham, Physician Lead und Assistant Professor der University of Toronto, in der Eröffnungssession des Kongresses. Während Ärzte, so Pham, ihren Fokus vielfach allein auf Symptome, Diagnosen, Laborwerte oder Medikation richteten, gehe es für die Betroffenen vor allem um eines: in Würde alt zu werden. Das bedeute für die meisten Menschen, zu Hause zu leben – und dort auch sterben zu können. Wie dies zu bewerkstelligen ist, zeigte Pham am Beispiel des von ihr initiierten Programms „Integrated Home Based Primary Care“ (IHBPC). Dort sorgen interdisziplinäre Teams im Südosten Torontos für eine hoch-koordinierte Versorgung für alte Menschen in der eigenen Häuslichkeit.

Versorgungsqualität von Multimorbiden wird zur Messlatte für das System. Doch was so schlicht klingt, ist, wie Pham verdeutlichte, aus der Versorgungsperspektive keineswegs trivial. Denn parallel zum wachsenden Anteil älterer Menschen nimmt auch die Zahl der multimorbiden Patienten zu. „Ich behandle heute nicht mehr den Diabetiker, den Krebskranken oder den Depressiven. Die Patienten, die zu mir kommen, leiden unter all diesen Erkrankungen gleichzeitig“, bestätigte auch Prof. Dr. Gregg Meyer, Chief Clinical Officer von Partners HealthCare Inc. und Professor an der Harvard Medical School. Genau wie Pham verfolgt er mit seinem Team in der Metropol-Region Boston die Strategie, Einweisungen ins Krankenhaus zu vermeiden. Als großer Versorger mit 1,5 Mio. Patientenkontakten pro Jahr und 73.000 Mitarbeitern setzt Partners HealthCare hierfür auf mehr als 50 verschiedene integrierte Versorgungsprogramme. Ein wesentlicher Schlüssel sei dabei laut Meyer die Skalierbarkeit. So sind in ein Programm für Hoch-Risiko-Patienten beispielsweise über 13.000 Patienten eingeschrieben – eine Größenordnung, die in Deutschland kaum je in IV-Projekten erreicht wird. Zu den Lernerfahrungen von Partners HealthCare gehöre, dass medizinische Versorgung allein im Wirkungsgrad immer begrenzt sei, räumte Meyer ein. Die Wohnsituation, gesundes Essen, Mobilität und das Eingebundensein in eine Gemeinschaft seien Faktoren, die einen wesentlichen Einfluss auf Gesundheit und Lebensqualität haben. Die Verzahnung von gesund-heitlicher und sozialer Versorgung gehöre deshalb ganz oben auf die Agenda der Politik.

Dem konnte Franz Müntefering nur zustimmen. Mit seinem einzigartigen Talent, komplexe Zusammenhänge in einfache Botschaften zu übersetzen, drang der Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen (BAGSO e. V.) und Vizekanzler a. D. schnell zum Kern der Sache vor: Pflegebedürftigkeit sei keine unveränderliche Größenordnung. Wenn es uns gelänge, sie beispielsweise um drei Jahre hinauszuzögern, sei damit für die Betroffenen, aber auch für das Gesundheitswesen sehr viel erreicht. Dafür brauchen wir, so Müntefering, niedrigschwellige Unterstützungsangebote, beispielsweise um Sturzunfälle in der eigenen Wohnung zu reduzieren. Er appellierte hier aber nicht nur an die Politik, sondern vor allem an jeden Einzelnen: Sorge für die eigene Gesundheit zu tragen, sei gleichsam Bürger-pflicht. „Wer selbstbestimmt leben will, ist auch mit verantwortlich.“

Digitale Technologien unterstützen ein selbstbestimmtes Leben im Alter. Multiprofessionelle Zusammenarbeit, der Blick auf die soziale Dimension und die wesentlich stärkere Einbeziehung der Betroffenen sind für eine gute Versorgung unabdingbar. – Dies war eine der Kernbotschaften, die sich durch beide Kongresstage zog. Ein weiterer Aspekt, der in nahezu allen Kongressbeiträgen angesprochen wurde, hieß Digitalisierung. Dabei stellen Alter und Internet keineswegs einen Widerspruch dar, wie etwa Dagmar Hirche, Vorstandsvorsitzen¬de von „Wege aus der Einsamkeit e. V.“ eindrucksvoll darlegte. Seit Jahren sind die Senioren-Kurse des Vereins zu Smartphone, Tablet & Co. ausgebucht. Hirche ist überzeugt, dass die Online-Kompetenz einen wichtigen Baustein für ein selbstbestimmtes Leben im Alter darstellt. Auch Frank Druska vom Projekt „Pflege@Quartier“ der GESOBAU AG sieht eine große Offen-heit von Senioren gegenüber neuen Technologien, wenn deren Mehrwert unmittelbar erlebbar ist. Die Bewohner der 30 Wohnungen, die speziell für Menschen mit Pflegegrad mit Sensoren und anderen Hilfsanwendungen ausgestattet wurden, berichten von einem neuen Sicherheits-gefühl und erheblichen Erleichterungen im Alltag. Aus der Perspektive des Keynote-Redners und Robotik-Experten Prof. Dr. Sami Haddadin befinden wir uns mit diesen Technologien aber erst im Steinzeitalter der Digitalisierung. Der Einblick, den er in den aktuellen Stand der Systemintelligenz gab, ließ erahnen, dass wir heute erst einen winzigen Bruchteil des Potenzials der digitalen Transformation ausgeschöpft haben.