BMC-Kongress diskutiert Transformation der Versorgung

Die Transformation des Gesundheitswesens muss sich an PatientInnenbedürfnissen orientieren. Das wurde beim diesjährigen BMC-Kongress deutlich. BMC-Vorstandsvorsitzender Prof. Dr. Lutz Hager forderte eine strukturelle Neuausrichtung der Versorgung über das SGB V hinaus. Dabei sei eine Pluralität von Anbietern und Lösungen entscheidend, um Fortschritte zu erzielen.

Demografische Auswirkungen auf die medizinische Versorgung, zunehmende Multimorbidität und nicht zuletzt eine schwierige Finanzlage der GKV und der Pflege zwingen zu nicht weniger als einer grundlegenden Neuausrichtung des Gesundheitssystems. Wie eine derartige Transformation gelingen kann, wie PatientInnen dafür ins Zentrum der Überlegungen rücken und welche Rolle digitale Lösungen dabei spielen, war das zentrale Gesprächsthema des BMC-Kongresses 2022, der erstmals über 700 innovationsinteressierte Teilnehmende online und vor Ort in Berlin zusammenbrachte.

Transformation beginnt im Kopf

Der neue BMC-Vorstandsvorsitzende, Prof. Dr. Lutz Hager, betonte gleich zum Kongressauftakt, dass es mit einzelnen Reformen nicht getan sei. „Transformation heißt, dass wir uns alle in Bewegung setzen müssen. Wir sind für die Erneuerung selbst verantwortlich!“ so Hager. Gerade in einem komplexen System wie der Gesundheitsversorgung sei es nötig, sich auf Orientierungspunkte zu einigen, die einen gemeinsamen Kompass bieten. Bei Strukturveränderungen sollten daher PatientInnenbedürfnisse im Fokus liegen und den Weg leiten.

Welche Auswirkungen ein solches Mindset haben kann, verdeutlichte der als „e-Patient Dave“ bekannte Dave deBronkart in seiner Keynote. Es sei wichtig, PatientInnen zuzuhören, ihre Gesundheitsdaten aktiv zu nutzen und auch auf ihre Informationen zurückzugreifen, selbst wenn diese nicht aus wissenschaftlichen Kanälen kämen. Eine solche partnerschaftliche Beziehung führe zum bestmöglichen Outcome.

David Fell, Autor des Buches „Bad habits, hard choices”, erweiterte diese Forderung um einen verhaltensökonomischen Ansatz. Statt gesundheitsschädliches Verhalten zu verbieten, müsse Fehlanreizen entgegengewirkt werden. So wisse zwar jedermann, welche Ernährung gesund bzw. ungesund ist, eine Entscheidung für leckeren Kuchen sei aber noch immer einfacher als für teures Obst. Das Steuersystem müsse daher Entscheidungen für bessere Ernährung unterstützen und so einen wichtigen Beitrag zur Lösung der Adipositas-Krise leisten.

Nicht genutzte Gesundheitsdaten sind wertlos

Wie immer bot das Kongressprogramm die Gelegenheit für Einblicke in nahezu alle Bereiche der Versorgung. Welche Rolle die Digitalisierung bei der Transformation spielen kann, zog sich als Frage durch beide Kongresstage. Dr. Susanne Ozegowksi und Michael Weller, beide neu als AbteilungsleiterIn im BMG, kündigten an, dass das Ministerium in Kürze in einem partizipativen Prozess eine Digitalisierungsstrategie entwickeln werde, die über einzelne Anwendungen hinaus gehen und ein gemeinsames mittelfristiges Zielbild vorgeben solle. Kerngedanke sei dabei die Nutzerperspektive. Weitere Foren beschäftigten sich mit telemedizinischen Lösungen, methodischen Herausforderungen bei DiGAs oder der Digitalisierung von Krankenkassen. Gerade bei der Frage, wie Gesundheitsdaten besser zur Weiterentwicklung der Versorgung genutzt werden können, bot der Kongress zudem spannende Perspektiven aus dem Ausland.

Thomas Schulz, Autor des Buches „Zukunftsmedizin“ gab dazu spannende Einblicke ins Silicon Valley, wo z. B. an einem KI-gesteuerten Frühwarnsystem gegen Infarkte gearbeitet werde. Dass gerade PatientInnen beim Nutzen ihrer Gesundheitsdaten eine besondere Rolle zukommt, verdeutlichte Vibeke van der Sprong von der Danish Health Data Authority. Am Beispiel des Gesundheitsportals „sundhed.dk“ zeigte sie, wie jeder Bürger Zugang zu persönlichen Gesundheitsdaten (Labordaten, Verordnungen, Impfungen, Home Monitoring, etc.) erhalte und diese bei Bedarf teilen könne. Diese übersichtliche Datenverfügbarkeit steigere nicht nur das Selbstvertrauen der PatientInnen, sondern fördere auch die Akzeptanz der Digitalisierung in der Bevölkerung gegenüber öffentlichen Stellen. Voraussetzung sei, dass die zur Verfügung stehenden Daten auch aktiv genutzt werden und nicht nutzlos in Datensilos herumliegen.

Prof. Lutz Hager plädierte abschließend für einen pragmatischen Umgang mit digitalen Lösungen, um ihre Einführung in die Versorgung zu beschleunigen. Es brauche keine paarweisen Digitalparagraphen zu jeder analogen Regelung im SGB V. Sinnvoll sei dagegen eine Generalklausel, dass digitale Lösungen mindestens als gleichwertig anzuerkennen sind.

SAVE THE DATE – BMC-Kongress 2023:
Im kommenden Jahr findet der BMC-Kongress am 24./25. Januar statt.